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Vorschlag fuer neue EKD Denkschrift

Themen und mögliche Gliederung einer Schrift zur aktualisierten friedensethischen Position von Kirchen

 

Vorlage für eine Sitzung des Ausschusses für Mission und Ökumene der EKiR am 15.5.2003 von Ulrich Frey

 

Vorbemerkungen 

 

(1) Die Synode der EKD in Timmendorferstrand 2002 hat den Rat der EKD um eine neue Denkschrift zu den veränderten friedensethischen Herausforderungen in Aufnahme der von der Synode erarbeiteten friedensethischen Positionen gebeten. Die Arbeit an einem solchen Text ist bisher nicht aufgenommen worden. Kontinuität und Wandel seit früheren Denkschriften und Worten aus dem protestantischen Raum, dem ÖRK und der römisch- katholischen Kirche, aber auch zwischenzeitlich notwendigerweise andere Interpretationen der historischen Entwicklung sollten in einer neueren Schrift zum Ausdruck kommen können. Zu reflektieren sind auch die Erfahrungen der so genannten historischen Friedenskirchen, die längerfristig durchaus wirksamen Konzepte der sozialen Bewegungen für Frieden, Gerechtigkeit und die Schöpfung im europäisch- nordamerikanischen Raum sowie die Leiden und Kämpfe der ökumenischen Geschwister für Gerechtigkeit in Afrika, Asien und Lateinamerika. Ein Schlüsselthema sind die Gender- Fragen.

 

(2) Zu bedenken ist die Gebundenheit solcher Schriften an die jeweilige historische, politische und gesellschaftliche Situation, in die hinein sie sprechen soll. Die Denkschrift der EKD von 1982 " Frieden wahren, fördern und erneuern" machte sich für eine politische im Gegensatz zu einer militärischen, von Atomwaffen gestützten Sicherung des Friedens stark und stellte in einem " diakonischen Typ" von Schrift die Gewissensentscheidung des Einzelnen in den Vordergrund. Die Erklärung des Moderamens des Reformierten Bundes " Das Bekenntnis zu Jesus Christus und die Friedensverantwortung der Kirche" (1982) mit der Ausrufung eines " status confessionis als Einladung und Ruf in die verbindliche Entscheidung des Bekennens" (S. 15) ist der Typ einer " prophetischen Intervention" in der friedensethischen Auseinandersetzung. Das Wort der deutschen Bischöfe " Gerechter Friede" (2000) will sich nicht nur " über den Zustand der Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts ... vergewissern und ihre mangelnde Friedensfähigkeit ... beklagen. Intendiert ist eine umfassende Zielperspektive, die nicht nur der Politik eine überzeugende Richtung weist, sondern vor allem die Menschen und Völker zu begeistern und mitzureißen vermag" (S. 10). Die " Schritte auf dem Weg des Friedens - Orientierungspunkte für Friedensethik und Friedenspolitik" (1994) nach Beendigung des Ost- West- Konfliktes und die Zwischenbilanz " Friedensethik in der Bewährung" (2001) nach regionalen Konflikten wie z.B. auf dem Balkan verfolgten den diakonischen Zweck der Politikberatung . Heute gefordert angesichts von drängenden Glaubensfragen und der weltpolitisch komplexeren politischen Sachfragen ist eine bekennende Schrift mehr visionären und prophetischen Anspruchs, die einen " gerechten Frieden" durch einen " processus confessionis" antreibt, auch gegen militärische Gewalt, die Lebens- Mittel im Sinne des Wortes stiehlt, verschwendet und zerstört. Ziele und Zwischenziele sollten darin nach dem Muster von säkularen Agendaprozessen (Rio 1992, Johannesburg 2002) in einer Agenda nachprüfbar genannt werden. Zu beteiligen an diesem Prozeß sind nicht nur Individuen, sondern auch Gemeinden, Synoden und die Fakultäten der Universitäten.

 

I. Woher denken wir?

 

Eine friedensethische Schrift sollte ihre Prämissen offen legen. Als solche bieten sich an:

 

(3) Grundlegend: Die globale Perspektive der Ökumene. Weil auch der 11. September 2001 und der Irakkrieg 2003 keine Wendepunkte, sondern weltweit nur Stationen auf dem Weg zur Überwindung des immer schmerzlicher wahrgenommenen globalen Unfriedens und globaler Ungerechtigkeit sind, ist es sinnvoll, über die längerfristige Basis friedensethischen Engagements in der globalen Perspektive der Ökumene nachzudenken.

 

(4) Biblische Grundlage. Zwecks Vergewisserung über die Zugänge christlichen Glaubens zur friedensethischen Auseinandersetzung ist eine theologische Herleitung Bedingung. Die Bischöfe haben dies in ihrem Wort " Gerechter Friede" vom September 2000 in anschaulichen Formulierungen unter der Überschrift " Gewaltfreiheit in einer Welt der Gewalt. Die biblische Botschaft vom Frieden" getan. Inhaltlicher Focus ist ausdrücklich die Gewaltfreiheit. Die Denkschrift " Frieden wahren, fördern und erneuern" der EKD aus dem Jahre 1982 stellt allgemeiner die " christliche Orientierung in der Friedensaufgabe" zur Diskussion. Die " Schritte auf dem Weg des Friedens - Orientierungspunkte für Friedensethik und Friedenspolitik" (1994) und die Zwischenbilanz " Friedensethik in der Bewährung" (2001) der EKD enthalten keine neuen explizit theologischen Aussagen. Heute konstitutiv sind die Erkenntnisse des gegenseitigen konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung, der in der Dekade zur Überwindung von Gewalt zugespitzt wird.

 

(5) Interdisziplinäre Arbeit und Kohärenz sind angesagt. Bei kritischer Beobachtung des öffentlichen Diskurses zu Theologie, Friedenspolitik, Friedensethik, Friedensforschung und Friedensdienst taucht der Verdacht auf, daß die Diskussion vorwiegend nach institutionellen und gesellschaftlichen Sektoren getrennt geführt wird, z.B. in verfaßten Kirchen, Wissenschaft, Verbänden, Initiativen und Gruppen und deshalb sektoral unter mehr oder weniger Gleichgesinnten. Akteure und Organisationen, die übergreifend arbeiten, haben es schwer, eine aufeinander bezogene Diskussion zu animieren. Interdisziplinarität und Kohärenz sind deshalb gefordert. Theologie, Friedenspolitik, Friedensethik, Friedensforschung und Friedensdienst sind ausgesprochen partizipative und damit demokratisch legitimierte Aufgaben.

 

(6) Leitend für die friedensethische Diskussion in unserer Welt, wie sie heute ist, bleibt die Gewaltfreiheit vor dem ökumenischen, also weltweiten Hintergrund der gesamten bewohnten Erde. Die Gewaltfreiheit gehört zum Kern der biblischen Botschaft und ist vorrangiger Maßstab säkularen Handelns. Die Option für die Gewaltfreiheit ist in der ökumenischen Debatte verbunden mit der Option für die Armen und das Leben. Das Wort " Option" signalisiert Spannungen mit der Gewaltfreiheit bei der Realisierung von Gerechtigkeit und Schöpfung. Ob Pazifismus grundsätzlich oder nicht grundsätzlich verstanden wird, ist nicht die entscheidende Frage. Es kommt vielmehr darauf an, daß beides sich kritisch befragen und ergänzen kann. Daraus kann Dynamik entstehen.

 

(7) Wie ist Gewalt theologisch zu fassen? Wenn Gewaltfreiheit das leitende Axiom ist, erhebt sich die Frage, wie Gewalt theologisch zu verorten ist. Das könnte bei unterschiedlichen Zugängen unter Christenmenschen und Kirchen schwierig sein. Ich rege an, den Ansatz des franko- amerikanischen Anthropologen und Religionswissenschaftlers René Girard stärker in die Diskussion einzubeziehen. Girards These ist, daß der " Mensch ein Wesen maßlosen Begehrens und Bedürfens" ist, was eine " Rivalität durch Nachahmung" (" mimetische Konkurrenz" ) " als Matrix zwischenmenschlichen Verhaltens und gesellschaftlichen Lebens" bedingt und eine " Gewalt aller gegen alle" erzeugt, die " in der Gewalt aller gegen einen kulminiert, der zum Sündenbock wird und geopfert werden muß" . Christlicher Glaube decke diesen Zusammenhang auf. " Erst im Propheten aus Nazareth ... wird inmitten der 'falschen' Welt eine wahre endgültig realisierbar - ohne mimetische Gewalt, ohne Gegengewalt, in schöpferischer und konfliktfähiger Gewaltlosigkeit, freilich um den Preis des 'Opfers' "

 

1. Diese befreiende Einsicht zum Verständnis Gottes und des Kreuzes Christi ist für mich der stärkste Antrieb im Kampf gegen Gewalt. Ich erfahre dadurch Gnade und Rechtfertigung. Das befähigt mich zu Umkehr und Versöhnung. Das Menschenbild der Bibel ist eben nicht von einer negativen Anthropologie (Hobbes: homo homini lupus) geprägt und auch nicht final von der Erbsünde bestimmt. Zu erinnern ist auch an die Gebote 5 - 10 gegen das Töten, das Ehebrechen, das Stehlen, das Falsch- Zeugnis- Reden, das Begehren des Hauses des Nächsten und alles, was des Nächsten ist. Diese Gebote sind geeignet, Gewalt zu vermeiden und einzugrenzen.

 

(8) Aus meiner Wertung der aktuellen Vorgänge und ihrer Hintergründe erscheinen folgende geistlichen Komponenten besonders beherzigenswert:

- Alle Menschen dieser Erde gehören zu der Gemeinde Jesus Christi und sind gleichwertig (ApG 2, 38; Eph 2, 11- 22).

- Wir Menschen sind versuchbar (Mt 4, 1- 11).

- Wir Menschen sind versöhnungsbedürftig und mit Gott versöhnt (2. Kor 5,17- 21).

- Es gilt das höchste Gebot, das der Nächstenliebe (Mk 12, 28- 34).

- Gerechtigkeit und Frieden sind den Menschen verheißen und aufgegeben (Jes 9, 5- 6; 32,17; Ps 85; Rö 6, 18- 20).

 

(9) Parallelen christlichen Denkens in der soziologischen und politologischen Gewaltforschung? Der Versuch, " Gewalt" definieren zu wollen, kann unproduktiv sein und frustrieren. Die Befreiungstheologie verzichtet auf eine Definition zugunsten des Dreischrittes: Sehen, Prüfen, Handeln. Gleichwohl ist es wichtig, das Verständnis von Gewalt unter sich wandelnden Bedingungen à jour zu halten. Von grundlegender Bedeutung als einem aktuellen Teilthema der Friedensethik ist das soziologische und politologische Verständnis von Gewalt in der neueren wissenschaftlichen Diskussion. Die herkömmliche Unterscheidung zwischen direkter und struktureller Gewalt (Johan Galtung), die die Diskussion bisher im kirchlichen Raum beherrscht, wird dort nicht mehr aufrechterhalten, weil die " strukturelle Gewalt" nicht operationabel ist. So schlägt Thorsten Bonacker als Vertreter der jüngeren soziologischen Forschung vor, " Gewalt als ein soziales Ereignis zu verstehen, das nicht auf individuelle oder strukturelle Verursachungen reduzierbar ist" . Danach entsteht Gewalt immer dann, wenn in einem Konflikt keine anderen Handlungsoptionen mehr offen sind. Je mehr Optionen zur Verfügung stehen oder eröffnet werden, desto eher kann Gewalt verhindert oder vermindert werden. (Wenn Optionen zur Gestaltung im Falle von asymmetrischen Konflikten wie z.B. in der Auseinandersetzung mit dem Irak durch die Mächtigeren geschlossen werden, ist das Ergebnis Gewalt). Dieses Verständnis von Arbeit in Richtung Gewaltfreiheit korrespondiert mit dem Girard'schen Ansatz von christlichem Glauben als Befreiung und stützt das schon 1971 bei der FEST in der sogenannten " Minimierungsformel" entwickelte Verständnis von Frieden als einem offenen Prozeß zur Verminderung von Gewalt, Not, Unfreiheit und Angst.

 

(10) Zivile Konfliktbearbeitung. Wenn das Primat der Gewaltfreiheit gilt, folgt daraus der absolute Vorrang der gewaltfreien Bearbeitung auch von gewaltförmigen Konflikten. Um das zu unterstreichen, sollte in eine Schrift zur Friedensethik ein grundlegender Abschnitt über den wesentlichen Stand der zivilen Bearbeitung von Konflikten (Konfliktprävention, Konfliktbearbeitung, Konfliktnachsorge) und seinen demokratie- theoretischen Grundlagen aufgenommen werden, die sich in den letzten Jahren konzeptionell und institutionell in Politik und Gesellschaft einschließlich der Kirchen lebhaft entwickelt hat, ohne allerdings einen politischen Durchbruch erzielt zu haben. Diese Ergebnisse korrespondieren wiederum mit den Ergebnissen des konziliaren Prozesses und dem Anliegen der Dekade zur Überwindung von Gewalt. Zu würdigen sind die Organisationen im Dienste für Frieden und Versöhnung als Schrittmacher dieses Prozesses.

 

(11) Verständnis des " gerechten Friedens" . Das ökumenisch konsentierte Leitbild vom " gerechten Frieden" als der friedensethischen prima ratio ist eine von christlichen Überzeugungen, von demokratischen Normen und Werten sowie von sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen genährte Vision zur Förderung des Weltfriedens. Es ist kein pragmatisch gesetztes oder aus der Gegenwart in die Zukunft extrapoliertes Szenario. Es setzt bei der vorfindlichen gesellschaftlichen und politischen Realität an und hat eine eschatologische Qualität. Dieses Leitbild ist bisher aber nicht systematisch ausgearbeitet. Der "gerechte Frieden" kann in der Summe seiner Quellen so verstanden werden: Der " gerechte Frieden" ist nicht die Negation von Krieg, sondern ein umfassendes konstruktives Programm im Dienste der vorrangigen Optionen für die Armen, die Gewaltfreiheit und die Förderung und den Schutz des Lebens. Ein " gerechter Frieden" kann ebensowenig wie "Frieden" als fertiges Produkt definiert werden. Er ist vielmehr ein geschichtlich- dynamischer Transformationsprozeß mit immer neuen Anstrengungen zur Bekämpfung der sich wandelnden Ursachen von Unfrieden. Dieser Prozeß schließt Rückschläge nicht aus. Er nimmt die jeweilige reale Situation als Ausgangspunkt für neue Bemühungen. Leitende Paradigmen dieses Prozesses sind weltweit geltende Normen und Werte wie Demokratie und Menschenrechte, sowie die Forderung nach einer Weltinnen- und Weltordnungspolitik und der Grundsatz kohärenten Handelns trotz unterschiedlicher Interessen. Ein "gerechter Frieden" entwickelt sich durch Fortschritte in zentralen Arbeitsbereichen (Dimensionen), die miteinander verbunden sind. Friedenspolitisch zielt der "gerechte Frieden" darauf ab, die tradierte institutionalisierte Macht von Gewalt oder neue Gewalt im Sinne von violencia zu brechen und eine gewaltfrei begründete Macht im Sinne von potestas zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten zu etablieren.

 

(12) Dimensionen, in denen sich der "gerechte Friede" im Sinne der Ziffer (11) realisiert und die auch eine Gliederung einer neuen Schrift abgeben könnten, sind u.a.

- die Förderung von weltweiter Gerechtigkeit,

- die Schaffung und Durchsetzung von Recht,

- die Transformation von Gewalt bis zu deren Überwindung in gewaltmindernden Prozessen,

- Abrüstung und Konversion,

- eine weltweite nachhaltige Entwicklung,

- Bildung, Erziehung, Dienst für den Frieden, Qualifizierung dafür,

- Eintreten für Wahrheit und Wahrhaftigkeit.

 

(13) Ultima ratio und humanitäre Intervention. Obwohl kriegerische Gewalt seitens der Kirchen geächtet ist (im Bereich des ÖRK seit der Vollversammlung in Amsterdam 1948) ist für diejenigen, die sich nicht als grundsätzliche Pazifisten verstehen, Krieg trotz der prima ratio gewaltfreier Konfliktregelung eine Möglichkeit, die kraft historischer Erfahrung ehrlicherweise nicht vollständig ausgeschlossen werden kann. Die Kriteriendiskussion sollte deshalb fortgesetzt werden. Die im angelsächsischem Raum entwickelte und in Deutschland noch kaum rezipierte Just and Limited War- Theorie auf der Grundlage der Normen von Demokratie und Menschenrechten sollte einbezogen werden, um " zu einer sowohl umfassenden als auch differenzierten 'Lehre vom gerechten Frieden' zu kommen" . Hier kämen auch Überlegungen zur Rechtfertigung des Aufstandes gegen systematische Tyranneien zwecks Demokratisierung der Menschenwürde zur Sprache. Die EKD hat in den " Orientierungspunkten" (1994) vier Kriterien einer ultima ratio militärischer Gewaltanwendung im Falle einer " humanitären Intervention" formuliert. Die Figur der ultima ratio ist systematisch nur ein Kriterium der den Krieg tendenziell begrenzenden Lehre vom gerechten Krieg (ius ad bellum). Der Ausdruck " humanitäre Intervention" spiegelt den Konflikt zwischen dem völkerrechtlich überkommenen Prinzip der Souveränität von Staaten und den universal geltenden Menschenrechten. Abgelehnt wird die von der EKD gefundene Formel der ultima ratio u.a., weil ihre formulierten Kriterien systematisch falsch sind (Vermengung der Kriterien iusta causa und der ultima ratio aus dem ius ad bellum), nicht präzise genug sind, weil sie als Bewertungsmaßstäbe nicht konsequent angelegt wurden und weil sie dazu verleiten, übergangslos in militärisches Handeln abzugleiten.

 

II. Wo stehen wir? Welches ist die Agenda von Christenmenschen und Kirchen im Sinne eines "gerechten Friedens" ?

 

Im folgenden werden einige Streitpunkte aus der aktuellen Situation ausgewählt, die theologisch, friedensethisch, friedenspolitisch sowie für Friedensforschung und Friedensdienst künftig von Bedeutung sind und das Handeln in den Dimensionen eines " gerechten Friedens" (vgl. Ziffer 12) beeinflussen. Die Reihenfolge versucht eine Gewichtung.

 

(14) Dissens über tragende Grundsätze der Weltordnung: Wie können Demokratie und Menschenrechte als universal geltende Werte im Rahmen einer Weltordnung durchgesetzt werden? Unilateral durch " coalitions of the willing" oder durch multilaterale Anstrengungen und Stärkung bzw. Demokratisierung von multilateral arbeitenden Institutionen (UN, IWF, Weltbank, OSZE, EU)? Der militärische Sieg der Irakkoalition im völkerrechtswidrigen Krieg im Frühjahr 2003 über das Regime von Saddam Hussein hat das Muster gefestigt, nach dem die neoliberale und neokonservative gegenwärtige US- Administration für die USA als Welt - Hegemon in Zukunft agieren wird. Dies ist nicht akzeptabel.

 

(15) Dissens über Schlüsselbegriffe wie Sicherheit, Entwicklung, Gerechtigkeit, Krieg, Terrorismus: Wenn "Krieg" mit "Terrorismus" verwechselt wird, folgen daraus dauerhaft schädigende Reaktionen auf kriminellen Terrorismus in Form von sinnlosen, weil militärischen Maßnahmen mit der Folge, daß sich gerade keine Sicherheit einstellt. Deshalb ist es wichtig, mögliche Abgrenzungen und verbleibende Unklarheiten zu definieren, z.B. am Thema " neue Kriege" . Von diesen profitieren die Inhaber privatisierter Gewalt wie Warlords, " Sicherheitsdienste" und Gewaltunternehmer. " Sicherheit" sollte deshalb breiter als nur militärisch verstanden werden. Terror sollte als kriminelles Handeln mit rechtsstaatlich kontrollierbaren Reaktionen polizeilich, ökonomisch, kulturell und nachrichtendienstlich bekämpft werden, aber nicht militärisch.

 

(16) Blasphemischer Mißbrauch des christlichen, islamischen und buddhistischen Glaubens: Wie gehen wir mit dem " Bösen" und der daraus drohenden Apokalypse um, wie mit einer fundamentalistischen, dualistischen, gewaltfördernden Denkstruktur, die selbstgerecht und deshalb ohne jede Selbstkritik ist? (Bush: " Erfüllung einer Mission" , " Vorsehung" , " Achse des Bösen" , " Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" ). Wie ist mit eigenen fundamentalistischen Traditionen umzugehen?

 

(17) Dissens über die völkerrechtliche Zulässigkeit von " preemptive strikes" : Der Bruch des Völkerrechts im Irakkrieg 2003, gerechtfertigt mit der aktuellen nationalen Sicherheitsstrategie der USA, ist aufgrund der Charta der VN nicht erlaubt. Die Versuchung ist groß, daß die Welt wegen des schnellen militärischen high- tec- Sieges der USA über ein grausames diktatorisches Regime diesem völkerrechtswidrigen Vorgehen applaudiert. In der zu führenden Auseinandersetzung mit dieser Position ist es deshalb wichtig, objektiv dem Konflikt zugrundeliegende Fragen zu klären wie: Kann es ein weiter zu entwickelndes Völkerrecht erlauben, im Falle einer Bedrohung mit einem nicht mehr rechtzeitig bekämpfbaren Einsatz von Massenvernichtungswaffen auch dann anzugreifen, wenn noch keine unmittelbare Gefahr des Einsatzes dieser Massenvernichtungsmittel gegeben ist? Unter welchen Bedingungen (z.B.: Mandatierung durch wen?) darf Völkerrecht gebrochen werden, wenn massiv Menschenrechte verletzt werden?

 

(18) Dissens über Wertvorstellungen von Recht und Demokratie: Vermehrte Anstrengungen gegen das Recht der Stärkeren zur Ertüchtigung des internationalen Rechts, insbesondere auf strafrechtlichem Gebiet und Schaffung von rechtsstaatlich kontrollierbaren und sanktionsfähigen institutionellen Möglichkeiten zur Durchsetzung von Recht (Internationale Polizei), Verhinderung von rechtsfreien Räumen, Verrechtlichung internationaler Beziehungen

 

(19) Dissens über die Reform der Vereinten Nationen, des IWF, der Weltbank und der WTO durch Demokratisierung ihrer Gremien und Entscheidungsverfahren

(20) Dissens über die Zukunft Europas: Wenn im Jahre 2004 insgesamt 25 Staaten mit dann 480 Millionen Menschen Mitglied der EU diesen dann größten einheitlichen Wirtschaftsraum der Welt bilden werden, gibt es Chancen, die verschiedenen Spaltungen des Kontinents durch Kooperation und Kompromisse zugunsten einer unabhängigen zivilen Friedensmacht Europa zu überwinden. Dabei sind die kritischen Seiten schon der jetzigen EU, z.B. in den Bereichen Außen- und Sicherheitspolitik, Entwicklungs- , Industrie- und Agrarpolitik zum Nachteil von Staaten in Afrika, Asien und Lateinamerika zu bedenken.

 

(21) Dissens über die Herstellung und den Erhalt von europäischer und weltweiter Sicherheit: Nötig ist es, einen Konsens zur Herstellung von Sicherheit durch gewaltfreie und/oder zivile Mittel, nicht mehr militärisch, zu finden; Stärkung und Aufbau eines staatlichen Gewaltmonopols im Falle der Gefahr des Zerfallens von Staaten, Entwicklung von Reaktionsmöglichkeiten auf Gewaltökonomien (z.B. mit Diamanten- und Menschenhandel); Die Zweifel an der militärischen und politischen Zukunftsfähigkeit der NATO sowie der im Irakkrieg zu Tage getretene Dissens über dem Bündnis zugrundeliegenden Werte legen den Um- und Ausbau des europäischen Sicherheitssystems nahe und damit mindestens die Reform der Bundeswehr und der NATO. Daraus können dauerhafte Veränderungen im transatlantischen Verhältnis zwischen Europa einschließlich Deutschlands und den USA resultieren.

 

(22) Dissens über die weltweite Aufrüstung und die Gefährdung des atomaren Nichtverbreitungsvertrages (NVV): Neue technologisch bedingte Rüstungsschübe stehen bevor. Das Beispiel Nordkorea demonstriert den Anreiz zur Beschaffung von atomaren Waffen; Die Widerstände gegen die Abschaffung bzw. Verminderung von Kleinwaffen und Landminen, die als moderne Massenvernichtungswaffen zu qualifizieren sind, müssen überwunden werden.

 

(23) Dissens über die Gestaltung der Globalisierung: Nötig ist eine Verständigung darüber, wie der unwiderrufliche Prozeß der Globalisierung auf wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Gebiet zu steuern ist, um allen Menschen eine Chance zu geben, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Dazu sind Maßnahmen u.a. zur Armutsbekämpfung, zum Erlaß von Schulden (Erlaßjahr) und zugunsten der Frauen, die weltweit die größte Last der Globalisierung tragen, sowie zugunsten der bildungsmäßig Benachteiligten (Erziehung) durchzusetzen.

 

(24) Dissens und Unsicherheit über den Umgang mit anderen Religionen, insbesondere mit dem Islam: Unterstützung des Zusammenlebens und der gegenseitigen Befruchtung gegen Abkapselungen; Unterstützung von Kräften in der islamischen Welt, die den Islam modernisieren wollen; Lobbyarbeit zur Schaffung eines palästinensischen Staates, der den Staat Israel anerkennt.

 

(25) Dissens über die Notwendigkeit und Durchsetzung einer nachhaltigen Entwicklung: Der Bedarf z.B. an reinem Wasser und Klimaschutz als Voraussetzung für das ökologische Überleben ist zwar bekannt, aber gegenüber beharrenden Kräften bisher nicht durchgesetzt.

 

Bad Honnef, den 12.5.2003

Ulrich Frey

ulrich.frey@web.de

 


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