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Religionen zur Umweltpolitik BRD 2002

Resümee des Orientierungsgespräches der Religionen zur Umweltpolitik

unter besonderer Berücksichtigung der Klimafrage

 

Angehörige unterschiedlicher Religionen - Christen, Muslime, Buddhisten und Bahá'i - kamen am 6. und 7. Mai 2002 in Göttingen zu einem "Orientierungsgespräch der Religionen zur Umweltpolitik unter besonderer Berücksichtigung der Klimafrage" zusammen. Die folgenden Überlegungen und Forderungen, die uns in dem Orientierungsgespräch gemeinsam wichtig und von uns gemeinsam formuliert wurden, wollen wir als Resümee der Öffentlichkeit übergeben. 

 

 

I

 

Menschen aller Religionen sind sich in ihrem Einsatz dafür einig, die Integrität der Natur zu achten und zu bewahren.

 

* Weil Gott, der Schöpfer, die Welt erschaffen und sie den Menschen anvertraut hat, sie zu bebauen und zu bewahren, sind Christinnen und Christen zu verantwortlicher Haushalterschaft berufen.

* In der statthalterischen (khalifatischen) Verantwortung ist das Geschöpf  Mensch zum maßvollen Verhalten in der Mitschöpfung ermahnt. Die Welt ist aus der Sicht der Muslime stets Zeichen auf den schöpfenden Gott, der die Welt in Gleichgewicht und Maß schuf, die zu bewahren, dem Geschöpf Mensch aufgetragen ist.

* Aus dem Bewusstsein der Verbundenheit mit allen Lebewesen begegnen Buddhisten der Mitwelt mit Achtsamkeit, Liebe und Mitgefühl.

* Für die Bahá'i bilden Natur und Menschheit eine organische Einheit, woraus sich Maßstäbe ökologischen und sozial gerechten Handelns ergeben.

 

Menschen aller Religionen bekräftigen die Achtung und "Ehrfurcht vor dem Leben" und ein Engagement, das den religiösen Traditionen, ihrem Glauben und ihrer Spiritualität entspricht, obwohl sie sich in Lehre und Praxis ihres Glaubens vielfach unterscheiden. Die Heiligen Schriften und die Traditionen unserer Religionen unterscheiden sich voneinander und treffen doch in Bezug auf Natur und Umwelt auf zentrale Gemeinsamkeiten, die eine gemeinsame Verantwortung für die Natur begründen.

 

 

II

 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gespräches leben in den Traditionen ihrer jeweiligen Religion und sind gemeinsam herausgefordert durch die von Menschen mit verursachte Veränderung des Klimas, durch die zunehmende Vernichtung von Tier- und Pflanzenarten und durch die anhaltende Zerstörung der Natur.  Noch immer handelt die Mehrzahl der Menschen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft anders, als es angesichts der bedrohlichen Eingriffe in die Grundlagen menschlichen und natürlichen Lebens nötig wäre.

 

1. Menschen aller Religionen stehen in der Verantwortung für einen umweltgerechten Umgang mit dem Planeten Erde: Wer das Leben der Natur mit spirituellen Augen sieht, erkennt in ihm eine über jeden unmittelbaren Nutzen hinausgehende sinnvolle und schützenswerte Qualität; er nimmt eine Haltung des Staunens über ihr Dasein und ihre Schönheit ein. In allen Religionen gibt es alte Überlieferungen, die gegen die Zerstörung der Natur und ihre Ausbeutung ein glückliches Leben setzen, das alles Sein und die gesamte Natur, die Tiere, Schwester Mond und Bruder Sonne und die Menschen einschließt. In diesem Geist können Verantwortung für die Erde, ökologisches Handeln und eine umweltgerechte Ethik des Lebens entstehen. Wir schöpfen aus unserem Glauben die Zuversicht, dass dies möglich ist!

 

2. Zentrale Ursache der Zerstörung der Natur und der Grundlagen des Lebens auf der Erde ist die Verschwendung von Gütern und Ressourcen. In unterschiedlicher Weise wird in allen Religionen Verschwendung als verantwortungslos gegenüber Menschen und Natur gewertet: Verschwendung widerspricht einer einfühlsamen Haltung gegenüber der Natur. Selbstbegrenzung und Nachhaltigkeit sind Konzepte, die es in unserer vom maßlosen Konsum beherrschten Gesellschaft stark zu machen gilt. Selbstbegrenzung und Nachhaltigkeit müssen als Fragen der ethischen Verantwortung, der Gerechtigkeit, des Rechtes und der Liebe gesehen werden: Liebe für den Nächsten, die Natur und das Leben insgesamt. Gerechtigkeit und Recht sind Hauptthemen für die internationalen Verhandlungen über die ökologischen Fragen und den Klimawandel - insbesondere beim kommenden Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg: Recht und Gerechtigkeit beim Zugang zu den Ressourcen der Erde, bei den weltweiten Anstrengungen zur Senkung der Treibhausgasemissionen, als Grundsteine auf der Suche nach alternativen Modellen für nachhaltige Gemeinschaften und als Maßstab möglichst schonender Eingriffe in die Natur. Dies gilt in besonderer Weise für einen sorgsamen Umgang mit Wasser, ohne das Leben unmöglich ist. In allen Religionen ist Wasser ein Teil des spirituellen Lebens. Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt deshalb dem ökologischen, ökonomischen, sozialen und friedensfördernden Umgang mit Wasser. Besondere Bedeutung haben wir in unserem Gespräch auch dem Tierschutz beigemessen: Tiere haben ein ihrer Art gemäßes eigenes Lebensrecht. Wir schöpfen aus unserem Glauben die Zuversicht, dass die Erde ein lebensfreundlicher Ort für alle sein kann!

 

3. Menschen aller Religionen können dazu beitragen, das vorherrschende nördliche Entwicklungsmuster in den eigenen Ländern wie weltweit in Frage zu stellen. Wir in den industrialisierten Länder müssen unsere Hauptverantwortung für die Schädigung des Globus und die Bedrohung des Lebens erkennen. Wir können nicht auf unserem Konsumniveau und Lebensstil bestehen, die gekennzeichnet sind von hohem Energieverbrauch, Emissionen von Treibhausgasen und deshalb weltweit nicht verallgemeinerungsfähig sind. Menschen aller Religionen helfen dazu, eine sehr deutliche Abkehr von der bei uns vorherrschenden, auf Verschwendung von Gütern und Ressourcen beruhenden Wirtschafts- und Lebensweise vorzubereiten. Gemeinsam wollen sie einen Beitrag leisten zu maßvollen, ökologisch verträglichen Lebensstilen. Wir schöpfen aus unserem Glauben die Zuversicht, weitreichende ökologische und soziale Lernprozesse in Politik und Alltagshandeln als gemeinsame Suche nach einem lebensdienlichen Weg in eine gerechte und friedliche Zukunft zu organisieren!

 

4. Solche Verantwortung hinsichtlich menschlicher Eingriffe in den Haushalt der Erde entspricht den Kriterien, die die Agenda 21 formuliert hat; sie entsprechen den ethischen Grundsätzen der Religionen: Nachhaltige Entwicklung versucht, ökologische, ökonomische und soziale Ziele zum Ausgleich zu bringen, die jeweils betroffenen Menschen an der Lösung der Probleme zu beteiligen, die Lebensumwelt für benachteiligte Gruppen zu verbessern und Lebenschancen für künftige Generationen zu erhalten. Menschen aller Religionen haben die Aufgabe, Spielräume für eine nachhaltige, das Leben auf der Erde bewahrende Politik und Entwicklung erweitern zu helfen. Wir schöpfen aus unserem Glauben die Zuversicht, dass die Erde als Lebensraum für alle Menschen wie für die Natur erhalten werden kann!

 

 

III

 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gespräches haben die ermutigende Erfahrung gemacht, dass das Engagement der anderen für die Natur jeweils das eigene Engagement bekräftigt und verstärkt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gesprächs wollen offen sein für neue Beziehungen untereinander. Die Zukunft verlangt von Menschen in allen Religionen, dass sie zusammenarbeiten und gemäß ihrer religiösen Überzeugung leben. Menschen aller Religionen suchen das Gespräch und das gemeinsame Handeln mit allen Menschen in unserer Gesellschaft.

 

 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gespräches wollen diese Erklärung in ihren Religionsgemeinschaften bekannt machen. Sie wollen ihre Gemeinschaften und deren Einrichtungen an ihre je besondere religiöse Verantwortung gegenüber der Natur und dem Leben insgesamt erinnern und sie zu einem sorgsamen Umgang mit der Natur und einem nachhaltigen Lebensstil motivieren. Sie ermutigen dazu, dass sich die religiösen Gemeinschaften vor Ort beteiligen an Aktivitäten der lokalen Agenda 21 und die Zusammenarbeit mit anderen Nicht-Regierungs-Organisationen suchen. Zusammenarbeit vor Ort ist eine zentrale Notwendigkeit. Sie sind überzeugt davon, dass das gemeinsame Engagement für die Umwelt friedensfördernd in unserer eigenen Gesellschaft wie weltweit ist. Sie wollen das begonnene Gespräch auf unterschiedlichen regionalen und lokalen Ebenen in Deutschland und darüber hinaus in Europa fortsetzen.

 

  

Göttingen, den 7. Mai 2002                                                                      Prof. Dr. Gottfried Orth

Leiter des Ernst Lange-Instituts

 

Quelle: Oekumenischer Informationsdienst 2002/1

  

 


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